Liebe Community, liebe mutigen Menschen hier, bei dem besten Hamburger Herbstwetter, das wir Anfang August zum Start der Herbstferien auffahren konnten. Schön, dass ihr alle da seid. Ich freue mich ganz besonders, heute hier zu sein, denn – es wurde ja eben schon gesagt – der diesjährige Dyke March ist ein ganz besonderer, nämlich der 10. Jahrestag, sozusagen das 10. Jubiläum. Und das ist natürlich erstmal ein Riesending: 10 Jahre Dyke March.
Ganz herzlichen Dank an dieser Stelle erstmal an euch alle als Orga-Team und an alle, die in diesen 10 Jahren daran beteiligt waren. Ja, also: 10 Jahre lang tragt ihr alle so viel Zuversicht, Mut, aber eben auch Kampfgeist auf Hamburgs Straßen. Ich finde, das ist total beeindruckend – und erst recht, weil wir das alles jetzt ja in einer sehr schwierigen Zeit tun.
Und ihr in einer sehr schwierigen Zeit heute hier seid und so sichtbar Flagge zeigt, so sichtbar eure Haltung und auch eure Forderungen kommuniziert. In einer Zeit, in der die Identität und der Körper queerer Menschen attackiert werden, so sehr unter Beschuss stehen, so instrumentalisiert werden für Hass, für rechte Gewalt, für Polarisierung jeglicher Art – man muss an dieser Stelle sagen, traurigerweise auch für politische Polarisierung – und ja, der besorgniserregende Rechtsruck, der uns nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, und wenn man auch über den Atlantik hinausguckt, dann weit über Europa hinaus, gerade so stark beschäftigt: Dass ihr trotzdem heute hier seid, das ist ein sehr starkes Zeichen. Aber es ist auch wirklich eine ganz starke Aufforderung an die Politik und an die Zivilgesellschaft. Und man muss sich da nichts vormachen: Es geht nicht nur um Narrative, die verbreitet werden, es geht nicht nur um Worte, die benutzt werden, es geht nicht nur um eine Julia Klöckner, die die Regenbogenflagge verhindert – darum geht es gar nicht nur. Es geht wirklich um tagtägliche Attacken, es geht um die Angst, die man um seine eigene Zukunft und seine eigene Sicherheit haben muss.
Wir haben allein im Jahr 2024 in Hamburg leider eine Zunahme von Gewalt und Hass erlebt – Gewalt, Hasskriminalität auf queere Menschen – mit einem Anstieg von über 50 %. Im Jahr 2024 stiegen die Zahlen von 98 auf 149. Und dabei wissen wir ja ganz genau: 149 mag nicht klein klingen, ist trotzdem ein Anstieg von über 50 %. Und die Dunkelziffer ist leider viel, viel höher, denn viele Menschen trauen sich gar nicht erst, zur Polizei zu gehen, Anzeige zu erstatten, sich zu wehren – aus Angst davor, dass das heruntergeredet wird, aus Angst, vielleicht auch nicht ernst genommen zu werden, vielleicht im Zuge dessen noch mehr Hass und Anfeindung erleben zu müssen. Und da fehlt es vielleicht auch einfach an Vertrauen in die behördlichen Strukturen – und das müssen wir unbedingt ändern. Besonders Gays erleben eine doppelte Diskriminierung, eine doppelte Bedrohung: zum einen aufgrund des Queer-Seins, und zum anderen aufgrund des FLINTA-Seins, in einem System, das so stark patriarchalisch strukturiert ist, in einem System, das Frauen und FLINTA-Personen insgesamt herabstuft und strukturell so stark benachteiligt. Von daher müssen wir hier im Schulterschluss miteinander stehen – ob queer oder nicht –, alle FLINTA-Personen im Schulterschluss. Das ist unser aller Auftrag.
Und in Hamburg versuchen wir das – nicht nur an so einem schönen Herbsttag wie heute, sondern natürlich jeden Tag. Wir versuchen das in unserer rot-grünen Koalition. Ich darf vielleicht an dieser Stelle einmal betonen, dass wir ja erst vor wenigen Monaten unseren Koalitionsvertrag hier in Hamburg beschlossen haben, aus dem hervorgeht – und ich wünsche mir, dass ihr da alle mal einen Blick hineinwerft –, dass wir uns diesem Rechtsruck, dass wir uns diesen Rückwärtsrollen, die wir außerhalb Hamburgs überall erleben, nicht klein beigeben. Dass wir Menschenrechte, dass wir queere Rechte auf gar keinen Fall herabstufen. Dass wir immer weiter stark nach vorne gehen, dass wir die Verantwortung als Stadt Hamburg auch annehmen, hier Vorbild zu sein – auch bundesweit. Und gegipfelt ist das in meinen Augen letzte Woche, als wir die Flagge am Rathaus gehisst haben – nicht nur ich als Gleichstellungssenatorin zusammen mit der Bürgerschaftspräsidentin, sondern auch mit einem ganz großen Signal: meiner Meinung nach auch das richtige in diesem Jahr 2025, wo wir so viel Shit erleben, dass der Erste Bürgermeister sich angeschlossen hat und gezeigt hat: In Hamburg machen wir es anders.
Und dabei wissen wir alle: Es geht nicht nur um irgendwelche bunten Farben auf einer Flagge, sondern diese Flagge steht für so vieles. Sie steht dafür, dass queere Rechte Menschenrechte sind. Aber sie steht auch für so viel mehr als queere Rechte. Sie steht dafür, dass wir in einer bunten, vielfältigen, solidarischen Gemeinschaft miteinander leben, dass Hass und Hetze hier keinen Platz haben.
Wir leben dafür, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen, dass Hamburg sich nicht auseinanderspalten lässt, und dass alle Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, sich unter dieser Flagge vereinen dürfen und vereinen sollen. Sie steht eben für so viel mehr. Und die Dyke Marches stehen eben auch für so viel mehr als für bloß eine Demonstration.
Sie stehen für kraftvolle politische Statements in einer Zeit, in der kraftvolle politische Statements so oft vermisst werden. Sie stehen für ein Zeichen des starken Widerstandes und für Solidarität. Und statt dass wir zurückziehen und uns entmutigen lassen, stehen wir heute hier unter diesem grauen Hamburger Wetter und sind mutig: Wir sind sichtbar, wir sind laut, und wir sind zuversichtlich.
Wir sind dafür da, dass wir für queere Rechte weiterkämpfen. Und mir ist es wirklich wichtig zu sagen: Diesen Kampf kämpft ihr nicht alleine. Und mir ist es auch sehr wichtig, nochmal dafür stark zu machen, dass ich appelliere – vielleicht gehen hier auch Menschen vorbei, die mit dieser Demonstration gar nichts zu tun haben und sich fragen: Was machen die da? – und ich möchte unbedingt dafür werben: Bitte macht euch Gedanken darum, was der moderne Feminismusbegriff eigentlich bedeutet und wofür er steht.
Er steht eben nicht dafür, dass Frauen sagen: „Wir haben mit queeren Frauen nichts zu tun, uns geht es um unsere Gleichstellungsrechte.“ Er hat eben auch nichts damit zu tun, wenn queere Menschen sagen: „Uns geht es nur um queere Rechte, wir haben mit dem Rassismus, der Migrantinnen entgegenschlägt, nichts zu tun.“ Und er hat auch nichts damit zu tun, wenn Migrantinnen sagen: „Wir wollen gegen Rassismus einstehen, aber das, was queeren Menschen angetan wird, wird denen zu Recht angetan.“
Sondern es geht darum, dass wir hier alle zusammenstehen und uns gemeinsam gegen das diskriminierende, rassistische System stellen. Ja, und ich denke, dafür steht eben auch Stay United. Und ihr könnt euch sicher sein: Ich stehe auf jeden Fall an eurer Seite. Ich freue mich sehr, in den nächsten Jahren euren Weg und euren Kampf mit euch gemeinsam kämpfen zu dürfen und den Weg für euch auf politischer Ebene noch weiter zu ebnen. Auch wenn wir in Hamburg schon so vieles erreicht haben, wissen wir sehr wohl: Wir haben noch viele Hausaufgaben zu erledigen, das ist total klar.
Lasst uns gemeinsam weiter dafür kämpfen. Lasst uns gemeinsam im Schulterschluss für eine offene, vielfältige, tolerante Gesellschaft einstehen – und heute erstmal für eine kraftvolle, bunte und unüberhörbare Demonstration. Vielen Dank.

